Silberhochzeit

Sonntag, 04.10.1992, 20 Uhr. Flutlichtspiel, Waldstadion Frankfurt, Eintracht gegen VfB Stuttgart. Jetzt, wo ich anfange zu schreiben, fällt mir im Wahn um den 3. Platz auf, dass meine persönliche Anekdote ja von Duplizität, Triplizität, Quadrofurziplidingsbumsität geprägt ist.

Das da oben, das 4:0, das war mein erstes Fußballspiel im Waldstadion, bei der Eintracht und quasi überhaupt. Geschimpft habe ich zuhause als Bub immer. Warum muss der Papa ständig diese Sportschau guggen? Was ist überhaupt dieses nervige UEFA-Cup und wieso läuft das ständig? Es nervt! Und ich wurde nach Frankfurt geschleift. Block 35, Gegentribüne, Unterrang, unüberdacht. Neben dem G-Block. Im Jahr nach der großen Katastrophe von Alesia und einige Momente vor den nachfolgenden großen Katastrophen.

BUMM hats gemacht, die Eintracht gewann 4:0 – und BUMM hats bei mir gemacht. Warum hat mir das so noch keiner gezeigt? Fuck you, Fernsehen, mit Emotion und Stimmung live im Stadion macht dieses Fußball ja sogar richtig Spaß. 1995/1996 hatte ich dann meine erste Dauerkarte, G-Block, irgendwie klar. Bis vor 3 Jahren mehr oder weniger durchweg in verschiedensten Arealen des Waldstadions, bis der Nachwuchs “was dagegen hatte”. Aber das kommt wieder, versprochen. Jetzt seht ihr mich halt nur 3…4…5mal im Jahr. Und ich gehe euch da gehörig auf den Sack.

1992/1993 – 2017/2018. Ich feiere also sowas wie Silberhochzeit mit meiner Eintracht. Und irgendwie habe ich gerade, auch geprägt vom montagabendlichen Ergebnis, das Gefühl: der Adler mausert sich und legt sein Prunkgefieder auf. In allen Bereichen.

Die Fans protestieren sichtbar und leise lautstark, dass selbst der Kicker hier keinen Groll hegt und die Eintracht lobt: Proteste in Frankfurt ein wichtiges Zeichen der Fans. Respekt Stadion, Respekt an die gesamte Nordwestkurve – es gab in meinem Fanleben auch genug Momente mit Gewalt, Pyrotechnik oder anderen Dingen, in denen ich mich wenig mit euch identifizieren konnte. Jetzt aber, im Nachklapp, als ich mir mal die Zusammenfassung anschaute, bleibt nichts übrig außer dem bereits genannten Respekt. Deutlich, klar, in Ruhe und friedlich zeigen, wo es lang geht. Und Respekt vor Verein und AG, dass das alles so zugelassen wurde, man es wusste, man es deckte. Und dass fanseitig das entgegengebrachte Vertrauen nicht enttäuscht wurde.

Jetzt kommt aber mein oho: Man vergisst ja gerne, man vergisst ja schnell. Wir schimpfen heute über montags abends, 20.30 Uhr – und wie ihr oben seht, war es damals normal, sonntags abends um 20 Uhr zu spielen. So ein rechter Unterschied mit Blick auf arbeiten, nach Hause kommen, ist das nicht, oder? Ich frage mich, ob auch ich da irgendwie einer gewissen Art von Doppelmoral aufgesessen bin. Klar, damals, 3mal freitags, 5mal samstags und eben das eine Sonntagsspiel. Aber dennoch… ich für mich weiß gerade nicht, wie ich das bewerten soll. Wo ist die Grenze dessen, was man als tolerierbar empfindet? Hätte man vielleicht schon früher, noch deutlicher, auf die Barrikaden gehen sollen? War “Pro 15.30” zu harmlos?

Zurück zur Mauser. Deutliche Worte des Präsidenten in Richtung seltsamer Bewegungen in diesem Land. Auch hier, Respekt. Die gesamte Entwicklung, Marketing, Sponsoren, Stadion- und Geschäftsstellenpläne. Respekt. Boateng mit einer klaren Anti-Rassismus-Kante. Respekt.

Die sportliche Leitung, die sportliche Entwicklung. An Spieltag 23 ganze 22 Punkte vor dem direkten Abstieg und 7 Punkte vor “Nicht-Europa”. Respekt.

Und jetzt, da wo ich mich im Herzen so richtig wohlfühle, müssen wir nach Stuttgart. Mein eigentlicher, echter Eintracht-Anfang. Irgendwie treffend. Und Angst habe ich sowas von keine vor Korkut und seinen Mannen. Wie eigentlich vor niemandem diese Saison. Weil irgendwie alles zu passen scheint.

Und wenn ich dann am 19. Mai in Urlaub bin, die Eintracht vielleicht wieder im Pokalfinale steht und dann vielleicht diesen Pott…. dann laufe ich nackt durch den Ort und hüpfe in den vermeintlich viel zu kalten See. Und es wird, versprochen, weder Ton-, Bild- noch Bewegtbilddokumente dazu hier geben.

Silberhochzeit, liebe Eintracht. Ich würde mich an diese Saison gerne in 25 Jahren noch genauso erinnern wie an mein erstes Spiel mit dir.