Vom Dorfsportplatz bis zur Erstligaarena. In allen Abstufungen dazwischen. Dem Oberligisten der Kreisstadt, dem in der Regionalliga gestrandeten Traditionsclub, den Stadtteilvereinen großer und mittelgroßer Städte. Überall bringt der Fußball die Menschen zusammen. Reich, arm, alt, jung, kreidebleich, rabenschwarz. Völlig egal. Es geht um Fußball, etwas Dorftratsch, Familie. Mehr nicht. Schon Gespräche über den beruflichen Alltag oder Weltanschauungen sind eher tabu – zumindest kenne ich das so aus meinem Dorfverein.
Es ist Wochenende, man trifft sich beim Fußball. Manche mag man, andere sind einem egal. Egal. Idealerweise hat‘s einen Kiosk und der Grill grillt. Der Trainer ist immer und überall ein ahnungsloser Trottel, der Schiri gekauft und der unbehende Torwächter gehört selbstredend aus dem Dorf, der Stadt oder wenigstens dem Stadtteil* gejagt (*auf keinen Fall “Kietz” verwenden). Beim ersten Foul des Gegners muss zwingend „der hat schon gelb“ reingebrüllt werden, gern schon nach wenigen Sekunden.
Alles in allem kann man diese Sportplatzsituationen nahezu 1:1 bis zu einem Europapokalmatch hochskalieren. Auch in der Deutschen Parkbank trifft man schon weit vor dem Spiel Leute, die man teilweise ausschließlich beim Fußball trifft. Lästert über Trainer, Schiri, Torwart und doziert lautstark die Serienmeisterschaft herbei. Nach dem Kick weint man gemeinsam in den Abbel oder phantasiert sich ins Universumpokalfinale. Herrlich.
Das Ganze funktioniert, weil eine gemeinsame Passion Gemeinschaft kreiert. Es braucht dazu noch nicht mal Harmonie, das fußballspezifische Konfliktpotenzial wird sogar konsequent genutzt. Reich, arm, alt, jung, kreidebleich, rabenschwarz. Alles zusammen.
Selbst die bis zur Unkenntlichkeit durchinszenierten EMs und WMs funktionieren (noch?). Es ist kaum zu glauben, aber selbst fragwürdige Austragungsorte, politische Vernetzungen, auf keinen Fall Korruption und Kommerzoverkill, scheinen die weltweite magische Kraft des Fußballs erschüttern zu können.
Nach dem Spiel Deutschland gegen Curacao trafen sich jeweils drei Spieler der deutschen und der Nationalmannschaft von Curacao zum gemeinsamen christlichen Gebet. Sie taten das nicht in der besinnlichen Abgeschiedenheit irgendwo im Kabinentrakt, sie taten es mitten auf dem Platz. In einem vollen Stadion. Vor einem Millionen TV-Publikum.
Diese Aktion wurde seitens der Medien entlang der üblichen Kampflinien bewertet. Während eher linke Medien (z.B. die TAZ) die Aktion äußerst kritisch bewerteten, waren bürgerliche Journalisten (z.B. Ulf Poschardt) voll des Lobes. Bezeichnenderweise war es im Falle von Antonio Rüdigers islamisch motivierter Geste exakt umgekehrt. Mich ärgert die sich lediglich auf die Religionssorte beziehende Argumentation beider Seiten immens. Denn beide sind verlogen und gehen völlig am Kern vorbei bzw. geben sich nicht im Ansatz die Mühe, diesen überhaupt zu erkennen.
Freitag, vorletzte Stunde. Religionsunterricht. Die Kinder verlassen ihren gemeinsamen Klassenraum und stehen vor vier Türen: Evangelisch, katholisch, muslimisch, atheistisch (Ethik). Ein eindeutigeres Bild der Religion als ein die Menschen trennendes Element kann man kaum zeichnen. Und genau darum geht es.
Der Fußball kann seine magische Kraft u.a. nur deswegen so wundervoll entfalten, weil Religion eben kein Thema ist. Religion nicht, Herkunft nicht, sozialer Status nicht, Politik auch nicht – Grüße nach Hamburg an dieser Stelle.
Durch das Gebet vor einer größtmöglichen Öffentlichkeit haben die Spieler Religion brachial in den Fußball gezwungen. Ich formuliere es deswegen so drastisch, weil Profifußballer sehr genau um ihre Außenwirkung wissen. Gerade die christliche Kirche hat virales Marketing schon in Vollendung betrieben, als es weder den Begriff viral noch Marketing gab. Die Wirkung ihres Gebets muss den Betenden also völlig klar gewesen sein. Mit der damit einhergehenden missionarischen Motivation.
Und wir haben neben den Kontroversen in den Medien, sozialen Medien und Kneipen mutmaßlich schon die erste Konsequenz beim Fußball selbst: Nach dem 2:0-Sieg der USA gegen Australien bei der WM 2026 versammelten sich die US-Spieler um Verteidiger Mark McKenzie auf dem Spielfeld zu einem gemeinsamen Gebet. Aha.
Mutmaßlich, da es völlig hypothetisch ist, ob sich das US-Team an Deutschland und Curacao ein Bespiel genommen hat oder davon völlig unabhängig gebetet hat. Aber zumindest stimmt die Reihenfolge.
Wie werden Spieler islamisch geprägter Nationen den Querpass Jesu‘ aufnehmen? Was passiert nach Spielen Christen gegen Moslems? Es kann nur zu Konflikten führen. Auf und neben dem Platz. Völlig unnötigen Konflikten, die die einende Magie des Fußballs gefährden.
Ich gebe den Anhängern der drei Weltreligionen dann meinen atheistischen Segen zum öffentlichkeitswirksamen Stadiongebet, wenn Christen / Juden / Moslems endlich in der Lage sind, in einem gemeinsamen Haus der Kinder Abrahams zusammen ihre Spiritualität zu zelebrieren. Der Fußball tut das schon. Weltweit. Seit Jahrzehnten.
Dankt mir nicht.
Titelbild: Alex Slitz/Getty Images
Anmerkung: Das Titelbild ist als Symbolbild genutzt, da bei unserem Provider keine Aufnahmen der entsprechenden Szene verfügbar sind.