#SGE – Oliver, wir müssen reden. Dringend.

Mein lieber Oliver,

ein offener Brief tut Not, wir müssen reden. Als Eintracht-Fan seit weit über vierzig Jahren erlaube ich mir, dich zu duzen. Wir sind ja schon eine kleine Wegstrecke gemeinsam gegangen, und auch wenn es bisher nicht nur ein Vergnügen war, hoffe ich derzeit noch, dass die gemeinsame Zeit noch länger dauern möge.

Aber dazu, mein lieber Oliver, müssen wir wohl einige Parameter unserer Beziehung mal ansprechen, da einiges nicht wirklich rund zu laufen scheint. Denn man bekommt von außen den Eindruck, als ob Du mit der Mannschaft, die Du zu Beginn dieser Saison übernommen hast, nicht sonderlich pfleglich und konstruktiv umgegangen bist. Ich war – wie viele andere auch – eigentlich davon ausgegangen, dass Du dir vor Amtsantritt ein genaueres Bild von der Truppe und den darin liegenden Möglichkeiten gemacht hast. Da das wohl nur begrenzt passiert zu sein scheint, hier ein paar Anregungen:

In den letzten Jahren hat die Eintracht am besten funktioniert, wenn man ihr ein festes Gerüst gegeben hat, bestehend aus einem hauptsächlichen Spielsystem, dass man, nach längerer Übung, auch durchaus mal variieren konnte. Und, und hier kommen wir an einen weiteren sehr wichtigen Punkt, wenn man eine Gruppe von Spielern hatte, die als Rückgrat der Mannschaft dienten und quasi immer spielten.

Und heute? Die Mannschaft hat schon mit Dreierkette, Viererkette und Fünferkette gespielt. Das hat teilweise defensiv funktioniert, teilweise nicht. Das Problem für mich ist, dass ich nicht verstehe, wie Spieler gegen die Bayern hervorragend verteidigen können, und die gleichen Spieler dann gegen den Big Shitty Club ein Verteidigungsverhalten von Alten Herren an den Tag legen können. Ist das eine Systemfrage, oder erreichst Du die Mannschaft mit deinen Ansagen zu den Systemwechseln nicht vollumfänglich? Denn, mal unter uns Pastorentöchtern gefragt, wie kann es sein, dass ein Hasebe gegen die Berliner rumläuft wie Falschgeld und ein Chandler an Stellen rumturnt, die ihm jegliches defensive Eingreifen ad absurdum führt?

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach solltest Du dir schnellstmöglich überlegen, wie dein System bis zur Weihnachtspause aussehen soll, dieses dann an die Mannschaft kommunizieren, zusammen mit den wahrscheinlichsten Akteuren einüben und dann einmal durchziehen ohne ständige Verschiebung von Positionen und Spielern. Denn eins ist doch offensichtlich, und das fällt Dir als erfahrenem Trainer doch auch sicher auf: der Mannschaft fehlen jegliche Automatismen vollständig. Und das nach mehr als drei Monaten gemeinsamer Arbeit. Das muss besser werden. Schnell.

Und Du hast meiner Meinung nach sogar noch Glück. Glück im Unglück, sozusagen. Denn Du hast im Vergleich zu deinen Vorgängern auf einer der früher neuralgischsten Positionen Ruhe und eins der besten Gespanne der Liga am Start. Im zentralen Mittelfeld sind mit Jakic und Sow zwei Jungs am Start, die zwar auch nicht immer die Sterne vom Himmel spielen, aber auch an schlechteren Tagen in der Lage sind, solide Leistungen abzuliefern. Das kann man von der Offensive derzeit nur sehr begrenzt sagen.

Und da frage ich mich, liegt das an der Formschwäche einzelner Akteure, wie bei Kamada seit einigen Wochen, oder bei Barkok vor seiner Verletzung, oder ist es teilweise durch Aufstellungsexperimente und mangelnde Übung hervorgerufen. Ich als Zuschauer frage mich zum Beispiel, warum hast Du, nachdem das Spiel gegen die Bayern vorn mit zweien auf der Halbposition (Kostic und Lindström) wieder den Dritten (Hauge) reingebracht, der dann eigentlich mehr Kostic im Werg stand und sich verdribbelt hat, anstatt zum Spiel beizutragen? Und dann, was man inzwischen auch zur Genüge gesehen hat, der gute Sam Lammers ist keiner, der als einzige Spitze agieren sollte. Das wäre eher ein Job für Paciencia oder Gonzo, wie ihn Freunde nennen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Du musst dich jetzt für eine Elf entscheiden, die dann mit punktuellen Wechseln bis zum Jahresende durchspielt, und dann kannst Du, gerne mit einem intensiven Trainingslager als Ausgangspunkt, an das Feintuning für die Rückrunde gehen. Das könnte dann beispielsweise so aussehen:

Bitte betrachte das als Denkanstoß von jemand, der der Eintracht über alle Zeiten, sei es Fußball 2000, die Jahre mit Funkel, die kurze Periode des Trainerdarstellers, sei es Meistertrainer eins und MT2, seien es deine direkten Vorgänger Nikovac oder dein fahnenflüchtiger Landsmann gewesen, stets gewogen war.

Viele Grüße,
dein Uli

PS: Wenn Du Fragen hast, Du weißt, wie Du mich erreichst.

PPS: Du solltest übrigens noch einen Punkt beachten, lieber Oliver: die Mannschaft hat es gestern geschafft, das Stadion zum Schweigen zu spielen. Es gab am Anfang hoffnungsvollen Support, den die 32000 Zuschauer gern gegeben haben. Aber ab Minute zwanzig wurde das beinahe minütlich weniger, und die zweite Hälfte klang – bis auf die fünf Minuten um den Anschlusstreffer – nahezu wie ein Geisterspiel. Und das muss ein Team in Frankfurt erstmal schaffen. Daran müsst ihr auch arbeiten, dass dem Team mehr Kredit eingeräumt wird. Und das geht nur mit Einsatz und Leistung.

(Titelbild: Alex Grimm, Getty Images)

2 Kommentare

  1. Was mich übrigens total irritiert, ich glaube Durstewitz schrieb das auch, dass sich keiner aus der Führungsetage derzeit hinter Glasner stellt. Weder Krösche noch Hellmann oder wer auch sonst. Früher war da halt immer noch der Bruno, der sich für den Trainer in die Bresche geworfen hat. Doch wo ist Manga?

  2. Die hier skizzierte Mannschaft halte ich für die z. Z. bestmögliche. Auch was das System angeht. Nach einzelnen Ausfällen, die Saison ist lang, könnte man Spieler aus der zweifellos vorhandene 2. Reihe heran führen.

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