Motivationsfrage

Zehn Spieltage sind absolviert. Nach dieser Anzahl Spieltage wollte Niko Kovac eine erste Zwischenbilanz zu der noch jungen Saison ziehen. Da möchten wir natürlich nicht zurückstehen.

Ein Blick auf die Tabelle sieht zunächst einmal nicht so fürchterlich aus. Platz 10, 15 Punkte bei 11 zu 10 Toren. Hochgerechnet würden die 15 Punkte am Saisonende 51 Punkte bedeuten; gesichertstes Mittelfeld, eventuell ein Startplatz im Europapokal. So weit, so gut. 10 kassierte Tore sind aller Ehren wert, sprechen für das funktionierende Defensivkonzept von Kovac und seinem Trainerteam. Nur der FC Bayern und Hannover 96 haben weniger Gegentore zu verzeichnen.

Aber dann. 11 eigene Tore sind mager. In der oberen Tabellenhälfte haben die anderen Mannschaften mindestens 13 (Schalke 04) bis zu 27 (Borussia Dortmund) geschossen. Nur die Abstiegskandidaten Wolfsburg, Stuttgart, Freiburg, der HSV, Bremen und Köln haben weniger Tore geschossen. Und ich glaube, man kann das als ein Indiz für ein Problem sehen, was ich meine bei der Mannschaft ausgemacht zu haben, ein Motivationsproblem.

Alle Spiele in der Liga wurden mit nicht mehr als einem Tor Unterschied gewonnen (4x) oder verloren (3x), wenn sie denn nicht unentschieden ausgingen. Spricht das nun für die Kämpferqualitäten des Teams oder liegt hier etwas im Argen? Ich meine letzteres, denn eine Tatsache zieht sich durch die ganze bisherige Saison: die Truppe hat es nahezu nie, nehmen wir das Spiel gegen den BVB mal aus, geschafft, zwei gute Halbzeiten zusammenzufügen. Nur mal so im Telegrammstil:

  1. Spieltag – SC Freiburg-SGE 0:0 – eine gute erste Hälfte mit diversen Chancen, in Halbzeit 2 wurde zum Großteil das Mitspielen eingestellt. Damals vermuteten nicht wenige Konditionsmängel als Ursache.
  2. Spieltag – SGE-VfL Wolfsburg 0:1 (0:1) – eine eher mäßige erste Viertelstunde, dann bis zur Pause Volldampf mit keinem positiven Ertrag. Hälfte 2 ordentlich, aber nicht mehr zwingend genug. Ich bekomme heute noch Pusteln, wenn ich an dieses Spiel denke.
  3. Spieltag Borussia M’Gladbach-SGE 0:1 (0:1) – eine saustarke erste Hälfte, in der MGL klar beherrscht wurde, mit nur einem Treffer als Resultat, und die Halbzeit 2 als einzige Zitterpartie.
  4. Spieltag FC Augsburg-SGE 1:2 (0:1) – eine katastrophale erste Hälfte, eine deutlich verbesserte Eintracht-Elf in Halbzeit 2. Hat aber nicht gelangt. Alles in allem eins der schwächsten Spiele bisher für mich.
  5. Spieltag 1. FC Köln-SGE 0:1 (0:1) – gewonnenes Spiel beim Tabellenschlusslicht, zweite Hälfte fand ich stärker, aber ich bin der Meinung, man hätte in diesem Spiel was fürs Torverhältnis machen können und fast müssen.
  6. Spieltag RB Leipzig-SGE 2:1 (1:0) – keine Durchschlagskraft der Eintracht, ich hatte nie das Gefühl, dass man an die Möglichkeit glaubte, dieses Spiel gewinnen zu können. Das führte zum logischen Resultat bei Leipzigern, die ich keineswegs bärenstark fand.
  7. Spieltag SGE-VfB Stuttgart 2:1 (1:0) – schlappe erste Hälfte, in der die SGE in Führung gehen konnte. In Halbzeit zwei starker Druck vom VfB, garniert mit der roten Karte für Falette, mit extrem glücklichem Ende in Minute 93 durch Hallers Tor des Monats.
  8. Spieltag Hannover 96-SGE 1:2 (1:1) – erste Hälfte ausgeglichen, zweite Hälfte deutlich stärker von der Eintracht mit glücklichem Ende durch Rebic in Minute 90.
  9. Spieltag SGE-Borussia Dortmund 2:2 (0:1) – bockstarkes Spiel, in der ersten Hälfte noch unglücklich, aber wirklich stark, in Hälfte zwei mit dem Glück des Tüchtigen.
  10. Spieltag FSV Mainz 05-SGE 1:1 (0:1) – starke erste Hälfte und dann noch starke 15 Minuten haben nicht gelangt, den in meinen Augen schwächsten FSV seit Jahren zu schlagen.

Man hat meiner Meinung nach mindestens fünf Punkte verschenkt, eher sieben. Drei gegen Wolfsburg, einen gegen Augsburg, einen gegen Leipzig. Und zwei gegen Mainz, wobei das ja fast schon Tradition hat. Leichtfertig hat man diverse Punkte liegen lassen. Und zwar nicht, weil man die schlechtere Mannschaft war, sondern weil man es nicht geschafft hat, 90 Minuten die Konzentration und die Motivation hoch zu halten. Aber woran liegt das? Ist es die Ansprache von Kovac, sind es eventuelle Wechsel, die eine mehr defensive Route vorgeben? Zu den Ansprachen kann ich nichts sagen, wenn man jedoch Kovac’ Reaktion auf die Darbietung in Mainz in den letzten 30 Minuten gesehen hat, würde ich das eher ausschließen.

Und die Wechsel? Schauen wir uns doch mal die vier Spiele an, die in meinen Augen ganz oder teilweise verschenkt wurden.

  • Gegen Wolfsburg brachte der Trainer Hrgota für Fernandes (65. Minute), da Costa für de Guzman (72.) und Tawatha für Willems (78.). Nicht defensiv, aber bedingungslose Offensive sieht in meinen Augen anders aus.
  • Im Spiel gegen die Augsburger kamen Rebic für Salcedo (46.), Jovic für Gacinovic (67.) und Tawatha für Willems (78.). Zweimal richtig offensiv und einmal positionsgetreu gewechselt.
  • In Leipzig kam in Minute 27 Boateng für Fernandes, in der 56. Rebic für Kamada und Jovic für Haller (62.). Das sind drei positionsgetreue Wechsel. Passt für mich zu einem Spiel, bei dem man meiner Meinung nach nie geglaubt hat, gewinnen zu können.
  • Am vergangenen Freitag kamen Blum für Rebic (74.), de Guzman für Gacinovic (85.) und Russ für Stendera. Zweimal positionsgetreu und einmal defensiv um Zeit von der Uhr zu nehmen.

Resümee aus der (zu) kleinen Stichprobe von 4 aus 10 Spielen? Kovac verändert häufiger etwas im Spiel, Stichwort Vierer- oder Fünferkette. Über die Wechsel scheint er weniger Einfluss nehmen zu wollen.

Aber in meinen Augen liegt das Hauptproblem eher darin, dass die Truppe die zweifellos vorhandenen PS nicht konstant auf die Straße bzw. auf den Rasen bekommt. Ich meine häufig eine latente Zufriedenheit und Arroganz wahrzunehmen, nach dem Motto wir können es doch und irgendwie klappt das schon. Und dann wird halt der eine oder andere Extra-Meter nicht gelaufen. Zumal jetzt mit Timmy Chandler auch noch einer unserer wichtigsten Kilometerfresser langfristig fehlt. Ich denke, hier sind die Trainer gefragt, daneben auch mit Sicherheit die Führungsspieler auf dem Platz, Hradecky, Abraham, Hasebe und Boateng, um, nur mal ein paar zu nennen.

Denn abgesehen davon, dass man mit den vergebenen sieben Punkten zweiter wäre, ich weiß, hätte, hätte, Fahrradkette, ich glaube jetzt gerade entscheidet sich, ob das eine durchschnittliche oder eine gute Saison wird. Noch ist alles möglich, aber wenn bis zur Winterpause weiter in diesem Stil Punkte liegen gelassen werden, dann dürfte es allenfalls Magerkost werden. Zumal an den Spieltagen bis zur Weihnachtspause mit Bremen (H), Hoffenheim (A), Leverkusen (H), Hertha (A), FCB (H), HSV (A) und Schalke (H) nicht nur Laufkundschaft wartet. Wobei, Laufkundschaft gibt es in dieser stärksten Bundesliga aller Zeiten ja sowieso nicht mehr.

5 Gedanken zu „Motivationsfrage

  1. 1

    “10 kassierte Tore sind aller Ehren wert, sprechen für das funktionierende Defensivkonzept von Kovac und seinem Trainerteam. Nur der FC Bayern und Hannover 96 haben weniger Gegentore zu verzeichnen.”

    Das spricht imo vor allem für den Keeper, der ja gerne bleiben würde.

  2. 2

    Hradecky hat mit Sicherheit seinen Anteil. Aber man müsste sich auch die Zahlen über Schüsse aufs Tor etc. mal genauer ansehen. Ich sehe das schon eher als eine sehr starke Defensivleistung des ganzen Teams.

  3. 3

    Muss leider aus GRÜNDEN (siehe Blog-G 26) Wasser in den Wein schütten. HARRY ist schuld…!

  4. 4

    Generell mal eine Frage zu Statistiken, ohne selber groß recherchiert zu haben:
    Mir kommt es so vor als wäre unsere Standards vergleichsweise harmlos – Einwürfe überproportional sofort direkt beim Gegner. Wegen Hradi wäre interessant, wie viel Großchance er gehalten hat. Bei der Abwehr wiederum wie viele zugelassen wurde.
    Gibt es solche Daten öffentlich?

  5. 5

    VvJ,

    Statistiken insgesamt ist ein extrem schwieriges Thema. Ich komme ja beruflich aus der Richtung, Maße mir da aber (noch) kein Urteil an. Ich verspreche aber, mir da schnellstmöglich einen Überblick zu verschaffen. 😉

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